Werner Kaegi

Biographie

Werner Kaegi (17. Juni 1926) ist Schweizer Komponist zeitgenössischer Musik. In den sechziger Jahren war er Pionier der elektronischen Musik in seiner Heimat. Im Jahre 1971 verliess er die Schweiz und wurde leitender Mitarbeiter am bekannten Instituut voor Sonologie in Utrecht, Holland. In dieser Zeit entwickelte er das Klangsynthesesystem VOSIM und das MIDIM programm für Komputerkomposition.

Jugend

Kaegi wurde geboren in Uznach im Kanton St.Gallen. Er studierte mathematische Logik und Musik in Zürich, Heidelberg und Basel, wo er 1951 seine Doktorarbeit absolvierte. Er verfolgte seine Studien bei Paul Hindemith, Arthur Honegger und Louis Aubert und arbeitete in den fünfziger Jahren beim Pariser Radio.

Am Centre de Recherches Sonores (1963–1970)

Von 1963 bis 1970 arbeitete Kaegi am Centre de Recherches Sonores, dem Studio für elektroakustische Musik von Radio Suisse Romande in Genf. Dort begann er, elektronische Musik und Tonbandmusik zu komponieren, darunter Stücke wie Éclipses (1964), L'Art de la Table (1964) und Entretiens (1965). In der C.R.S. schuf Kaegi mehrere radiophonische Werke. wie La Porte Noire (1964) und Zéa (1965). In den späten 1960er Jahren schrieb Kaegi mehrere Aufsätze über elektronische Musik, darunter das einflussreiche Buch Was ist elektronische Musik (1967) und wurde ein Film für das Schweizer Fernsehen gedreht. Diese Periode des elektronischen Musikmeisters endete 1971 mit der Veröffentlichung von Kaegis einzigartiger Plattenveröffentlichung, einer 7-Zoll-Platte mit dem Titel Vom Sinuston zur elektronischen Musik. In dem 12-seitigen Begleitheft analysiert Kaegi die Grundbestandteile elektronischer Musik wie Sinus, Klangsynthese, Ringmodulation oder elektronischen Oszillator, wobei auf der CD Klangbeispiele sowie Auszüge aus seinen neuesten Werken der damaligen Zeit, Kyoto, 1970, Thai Clarinet, 1970, Hydrophonie I, 1969 und Illumination Expo'70 Osaka, 1969. Das letztgenannte Stück war ein Auftragswerk von der Schweizer Regierung für die Sonorisierung des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung 1970 in Osaka, Japan. 

Am Instituut voor Sonologie (1971–1987)

1969 wurde Kaegi eingeladen, am Utrecht Institute of Sonology (ehemals STEM) in den Niederlanden zu komponieren, wo er die Tonbandmusik der Hydrophonie I schuf. Dank eines Zuschusses des Fonds Nationale Suisse zog er 1971 dauerhaft in die Niederlande um seine in der Schweiz angefangenen Klangstudien am Institut weiter zu fuehren. Bald wurde er Mitglied der wissenschaftlichen Leitung und bekam eine feste Anstellung als Wissenschaftler. Am Institut arbeitete Kaegi als Komponist, Forscher und Dozent auf dem Gebiet der elektronisch erzeugten Musik und Komposition. Zu seinen Studenten zählten unter anderem Benno Ammann, Lasse Thoresen, Jos Janssen, Cort Lippe, Kathleen St. John, Trevor Batten und Pierre van Berkel. Der kanadische Komponist Paul Goodman, geboren 1955, wurde in den 1980er Jahren sein Assistent. Zwischen 1973 und 1978 entwickelte Kaegi zusammen mit dem niederländischen Forscher Stan Tempelaars (1938–2010) das VOSIM-Klangsynthesesystem. VOSIM, das für VOice SIMulation steht, ist ein System, das auf der digitalen Klangsynthese von einfachen, sinusförmigen Rechteckwellen basiert und die Modellierung von Vokalklängen, stimmlichen Frikativen und Instrumentaltönen ermöglicht. VOSIM wurde in Verbindung mit dem MIDIM-System verwendet, einem Kompositionsprogramm, das Kaegi in den frühen achtziger Jahren entwickelte. Werner Kaegi fasste das VOSIM-System 1986 in einer Präsentation für die Fachzeitschrift Interface zusammen. VOSIM wurde in den USA als eines der wichtigsten Klangsynthesesysteme angesehen.

Die MIDIM Gruppe

Ab 1981 begann eine Gruppe internationaler Studenten, Komponisten und Künstler, die Kaegis Vorlesungen bei Sonology folgten, in der sogenannten MIDIM-Gruppe zusammenzuarbeiten. Viele Kompositionen und Performances wurden als "assoziative Computermusik" geschaffen. Es fanden surrealistische und dadaistische Sitzungen statt, bei denen die Mitglieder ihren spontanen Inspirationen a la écriture automatique folgten, um Stücke direkt in den Computer zu komponieren, Gedichte auf die Bühne zu schreiben und Bilder in einem Fluss zu zeichnen. Zwischen 1981 und 1991 organisierte die MIDIM-Gruppe zahlreiche Konzerte, in denen die Interaktion zwischen verschiedenen Kunstdisziplinen in Museen (wie dem Stedelijk Museum in Amsterdam), Konzertsälen (Muziekcentrum Vredenburg in Utrecht) und Kirchen (Domtoren Utrecht) experimentiert wurden. Die Gruppe bestand aus Kaegi selbst, Paul Goodman, Jos Janssen, Pierre van Berkel, Pieter Kuipers und Heinerich Kaegi (Werners Sohn). Viele andere traten vorübergehend der Gruppe bei. 

Sonology Den Haag

1986 wurde das Institut für Sonologie in Utrecht geschlossen und offiziell an das Königliche Konservatorium von Den Haag verlegt. Viele der führenden Mitarbeiter wie Werner Kaegi, Michael Koenig und Frits Weiland verließen das Institut. Einige Jahre führte die MIDIM-Gruppe die Forschungsaktivitäten von Kaegi fort, was durch kleine Computersysteme wie Atari ST möglich wurde. Das MIDIM / VOSIM-System wurde auch im Studio des Stedelijk Conservatorium in Amsterdam implementiert. Im Jahr 1987 wurde Kaegi beim 15. Elektro-Akustikwettbewerb von Bourges im französischen Bourges für sein Stück Ritournelles für Sopran und Tonband ausgezeichnet. Seit 1986 reist Kaegi zwischen Utrecht und Südfrankreich. In den letzten Jahren konzentrierte er sich hauptsächlich auf seine Schriften.


Werner loves making small cartoons. Very often he draw them on whatever paper there was: a page of a calendar or just a napkin.

Vocalulu - Lulu, Werners dog demonstrates the different vowel-sounds

Vocalulu

For his children he made numerous drawings of tales, machines, funny situations or future

Werner loved making educational drawings to explain his son how things work

  

 

 

Chaos und menschliche Ordnung / Probleme der elektronischen Musik

Vortrag gehalten an den Musikwissenschaftlichen Instituten der Universitäten Zürich am 14. 03. 1966 und Bern am 21.04.1966, eingeladene Arbeit.

Verehrte Damen und Herren,

viele  Fragen, wie sie im Hinblick auf die  elektronische  Musik gestellt werden, sind die Folge  unklarer Vorstellungen  und  vorgefasster  Meinungen.  Ein  Versuch, sie zu beantworten, bringt keine Klärung, sondern verstellt den Zugang zum Verständnis der eigentlichen Anliegen und Probleme der elektronischen Musik. Das mag zum Teil daher rühren, dass bereits der Begriff 'Musik' durchaus nicht jene gesicherte Grösse ist,  welche erlaubte, mir nichts dir nichts ein Urteil zu fällen darüber, was unter Musik nun eigentlich zu verstehen sei. Es besteht ja kein Zweifel, dass beispielsweise die Zeitgenossen von Guillaume Dufay* unter Musik etwas ganz anderes verstanden haben als die Bewunderer Richard Wagner’s, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, welche ein Gespräch mit einem singenden Beatnik unserer Tage über diesen Gegenstand  bieten würde. Wenn also von Musik die Rede ist, dann ist stets eine ganz bestimmte Musik, niemals aber die Musik schlechthin gemeint. Man wird nun allerdings einwenden können,  dass es auch für den Begriff  'Musik'  so etas gebe wie einen common sense, eine Übereinkunft darüber, was wir ganz allgemein unter ‚Musik’ verstehen wollen. Mag sein, dass es derartiges gegeben hat, zum Beispiel in jener Gesellschaft, in deren Schoss die Begegnung des alten Johann Sebastian Bach mit Friedrich dem Grossen stattgefunden hat, wohl auch im Kreis um Arnold Schönberg; und auch heute mag es immer wieder derartiges geben. Von einem weltweiten common sense kann in unserer pluralistischen Gesellschaft jedoch keine Rede sein. Der Begriff 'Musik' ist stets im Sinn einer bestimmten Ersccheinungsform von Musik aufzufassen. Ein Wortstreit von der Art: "Elektronische Musik ist keine Musik" ist ein denkbar schlechter Ausgangspunkt für die Erforschung von Neuland. Zur Erhellung unseres Gegenstandes bietet es also wenig Vorteile, den bereits längst ein-gebürgerten Begriff 'Elektronischen Musik' unnötigerweise immer wieder in  Frage  zu stellen. Beigefügt sei, dass wir uns bemühen werden, in den folgenden  Ausführungen ästhetische Werturteile nach Möglichkeit auszuklammern.

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Self-portrait 1939

Self-portrait ca. 1965

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